27. April 2026
Was mir 200 Berliner Mittelständler über KI-Governance verdeutlicht haben
Im Februar durfte ich als Eröffnungsredner bei der DIGITAL+ Konferenz sprechen. Organisiert von IHK & HTW Berlin war mein Thema: KI-Governance und der EU AI Act. Genauer gesagt, warum Compliance-Anforderungen kein Innovationshemmnis sind, sondern ein Katalysator für bessere KI-Systeme sind. Die Fragen danach waren keine über KI-Governance.
Sie drehten sich stattdessen viel um digitale Souveränität. Um die Herausforderungen bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Um die Frage, welchen digitalen Infrastrukturen man vertrauen kann und ob es wirklich europäische Alternativen gibt. Niemand fragte nach dem AI Act. Niemand fragte nach Qualitätsmanagementsystemen oder technischer Dokumentation. Während ein Teil davon an der beeindruckenden Präsentation der Speakerin lag, hat es auch etwas über KI-Governance deutlich gemacht.
Der richtige Ansatzpunkt für KI Governance
Die rund 200 Unternehmensvertreter im Saal - Inhaber, IT-Verantwortliche, Digitalisierungsbeauftragte aus Berliner KMU - waren ehrlich darüber, wo sie wirklich stehen. Die meisten fallen nicht unter den AI Act. Hochrisiko-KI-Systeme im Sinne von Anhang III sind in ihrem Alltag daher kaum, bis kein Thema. Aber noch wichtiger: Viele befinden sich noch an einem früheren Punkt. Sie fragen sich, ob und wie KI überhaupt Wert in ihrem spezifischen Kontext schafft, wie das in eine KI-Strategie übersetzt werden kann und mit welchen Infrastrukturen sie das sicher tun können.
Das ist die richtige Frage, die die KI-Governance leitet.
Erst Strategie, dann Governance
KI-Governance ohne KI-Strategie ist richtungslos. Man kann nicht sinnvoll definieren, was Governance leisten soll, solange unklar ist, wofür KI eingesetzt werden soll. Solange der Governance-Nordstern nicht fixiert ist, kann es in jeder Richtung gehen.
Ein robustes KI-Governance-Framework beginnt deshalb nicht mit dem AI Act. Es beginnt mit einer klaren Antwort auf die Frage: Was wollen wir mit KI erreichen und was muss die Unternehmens-Governance dafür leisten? Erst wenn diese Antwort steht, lässt sich konkret bestimmen, welche Risiken relevant sind, welche Anforderungen, welche Maßnahmen sinnvoll sind und wer im Unternehmen daran beteiligt werden muss.

Die Goldgräberstimmung ist keine Strategie
KI-Adoption hat sich in Deutschland zwischen 2024 und 2025 fast verdoppelt: Von 20 auf 37 Prozent (Bitkom). Das klingt nach Aufbruch. Aber Adoption ist nicht dasselbe wie strategischer Einsatz. Unternehmen, die KI einsetzen, weil es alle tun ohne zu klären, wo der konkrete Wert liegt, laufen in zwei Probleme: Enttäuschte Erwartungen, wenn die Technologie den Hype nicht einlöst, und governance-lose Systeme, die im schlechtesten Fall echten Schaden anrichten, ohne dass Verantwortlichkeiten oder Abläufe geklärt sind.
Wer erst nach dem Ziel fragt und dann handelt, hat strukturell einen Vorteil gegenüber dem, der handelt und dann fragt, was nachgezogen werden muss. Sobald die Richtung klar ist, kann es mit der Umsetzung losgehen. Für Unternehmen, die sich in dieser Phase befinden - und das ist der Punkt, an dem wir bei KvJ ansetzen - wird der Aufbau passender Governance zentral. Besonders dann, wenn KI-Systeme Entscheidungen treffen, die nachhaltig Konsequenzen für das Unternehmen und die User haben kann.
Was ich aus diesem Raum mitgenommen habe
Der deutsche Mittelstand sortiert sich gerade und ist vorsichtig beim Thema KI. Nicht alle Unternehmen sind an der gleichen Stelle. Was zählt, ist die Reihenfolge: Erst verstehen, wo KI Wert schafft. Dann entscheiden, wie man sie einsetzt. Daraus folgt, was das für die Umsetzung bedeutet und wie Governance zum Enable statt zum Showstopper wird.
